Karlsbader Mitteilungsblatt

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Zwangsarbeiter in Ettlingen im Dritten Reich

27.11.2018

Andreas Schulz: „Mitte im Alltag waren 3.000 Menschen“ - Gemeinsame Pressemitteilung der Deutsch-Russischen Gesellschaft Ettlingen e.V. und der Europa-Union Albgau e.V.

„Im Jahr 2000 richtete die Bundesregierung die Stiftung - Erinnerung, Verantwortung und Zukunft -  ein, die das Ziel hat, ehemalige NS-Zwangsarbeiter finanziell zu entschädigen“, so Andreas Schulz, Fachreferent der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg im vollen Kirchenschiff der Paulusgemeinde Ettlingen. Pfarrer Dr. Weidhas sprach sich in seinem Grußwort für Menschlichkeit und gelebte Erinnerungskultur aus. Eingeladen hatte die Deutsch-Russische Gesellschaft Ettlingen e.V. und die Europa-Union Albgau zusammen mit der Landeszentrale. „In unserer Stadt gab es zwischen 1939 und 1945 rund 3.000 Menschen, die zur Zwangsarbeit in 250 Ettlinger Betrieben gezwungen wurden“, so einleitende Worte von Gerhard Laier, Vorsitzender der Deutsch-Russischen Gesellschaft. Nach der geschichtlichen Aufarbeitung und Hilfe von der Landeszentrale für Politischen Bildung Baden-Württemberg, Abteilung Gedenkstätten, wurde unser Projekt nach dem Bundesprogramm „Demokratie Leben!“ gefördert. Dieses Programm hat zum Ziel, Diskriminierung, Menschenhass und Extremismus mit präventiven Partnerschaften für Demokratie samt der Förderung der demokratischen Kultur bei Jugendlichen durchzuführen.

Die Jugend sagt: „Nie wieder!“

Schulz hielt ein spannendes Impulsreferat, das bei den Schülerinnen und Schülern aus Ettlingen und Langensteinbach, sowie einer besuchenden Schulklasse aus Gatschina gut ankam, denn Fragen durften von den Jugendlichen während des Vortrags auch gestellt werden. Schulz erläuterte: „Die Betriebe nahmen die Zwangsarbeiter dankend auf. Sie fanden sich in Ettlingen neben den Arbeitslagern und Einsatzorten in der Kriegswirtschaft auch in der Stadtverwaltung, im Handel wie in handwerklichen Betrieben – das heißt: mitten im Alltag!“ Aber er verdeutlichte auch:  „Zwangsarbeit im NS-Regime fing meines Erachtens bereits viel früher an. Sie ist bereits von vornherein in der Ideologie der Diktatur angelegt“, so Schulz. Von der Zwangsarbeit betroffen seien daher neben rassistisch, sozial und politisch Verfolgten auch ausländische Zivilarbeiter, die zu Beginn des Zweiten Weltkriegs mit zahlreichen Versprechungen für die Arbeit im Reich angeworben worden seien, und Kriegsgefangene der Wehrmacht, denen man versprach, dass sie durch das Ableisten von Arbeit früher aus der Haft entlassen würden.  Mit Kriegsbeginn bekam die Arbeit, die die Zwangsarbeiter in Lagern verrichten müssten, immer mehr eine Doppelfunktion: Sie diente der Aufrechterhaltung von deutschen Betrieben wie auch der Wirtschafts- und Kriegsförderung – denn viele arbeitsfähige Deutsche sind an der Front, während die Kriegsindustrie in der Heimat am Laufen gehalten werden musste – und sie diente schlichtweg der massenhaften Vernichtung von Menschen.

Ettlingen schaut nicht weg!

Für Thomas Fedrow, Bürgermeister a.D., war diese Veranstaltung wichtig,da bisher Zwangsarbeitern auf dem Friedhof Ettlingen und im Stadtbewusstsein nur am Rande gedacht und erinnert wurde. „Aus diesem Grunde sind Herr Behringer vom Ettlinger Bündnis gegen Rassismus und Neonazismus Ettlingen, Herr Laier von der  Deutsch-Russischen Gesellschaft Ettlingen e.V. sowie  Herr Weber vom DGB auf ihn vor rund 1 ½ Jahre zugekommen, um die Gedenkstätte zu sanieren und mit einer Gedenktafel zu versehen“. Fedrow gerührt: „Ich danke herzlich diesen drei Menschen, die sich im Sinne bester Erinnerungskultur für das Andenken dieser geknechteten Menschen posthum eingesetzt haben!“ Fedrow wörtlich: „Zu Asche, zu Staub mit Unterdrückern des Dritten Reiches. Aber jetzt stehen die Erniedrigten in unserer Schuld, wir entschuldigen uns aufrichtig und mit Respekt für in Ettlingen erlittenes Unrecht. Schulz lobte abschließend die Initiative: „Wir haben vielleicht gerade heute Sichtbarkeit, die eine offizielle Anerkennung und Aufarbeitung in Ettlingen so lange Zeit verhindert hatte, nötig. Neben der kollektiven Erinnerung existierte lange Zeit das Phänomen der kollektiven Verdrängung“.

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Roll-ups zum Thema der Veranstaltung sind noch bis zum 1. Advent, 2. Dezember 2018, in der Paulus Kirche in Ettlingen, Schlesierstraße 3 zu sehen. Sie können über die Deutsch-Russische Gesellschaft info@drg-ettlingen.de oder die Europa-Unio albgau@europa-union-karlsruhe.de zur Ausstellung in Schulen angefordert werden.

Foto: Das Projektteam „Zwangsarbeiter in Ettlingen“