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Bürgerbefragung 40+ in der Gemeinde Karlsbad

24.11.2020 – 13.12.2020

4. Vertiefung: „Neue Wohnformen im Alter – Wünsche und Einstellungen“ - Videoimpulsvortrag am Dienstag, 1. Dezember 2020

Zum Jahreswechsel 2019/2020 wurden insgesamt 1.882 Karlsbader Bürgerinnen und Bürger im Alter von 40 Jahren und älter zum Thema „Gutes Älterwerden in Karlsbad“ befragt. Neben einer Überblicksdarstellung wurden in den vergangenen Wochen die Ergebnisse aus den Themenfeldern „Zu Hause Wohnen im Alter“, „Alltagsversorgung und grundlegende Angebote“ und „Mobilität“ im Mitteilungsblatt vertiefend dargestellt. Alle bislang veröffentlichen Berichte lassen sich auch online auf der Homepage der Gemeinde Karlsbad unter der Rubrik „Gutes Älterwerden / Neuaufstellung Bürgerbeteiligung“ des Karlsbader Mitteilungsblattes nachlesen https://www.karlsbad.de/website/de/leben_freizeit/gutes_aelterwerden

Diese Reihe soll im Folgenden mit einer Darstellung der Ergebnisse zu Wünschen und Einstellungen der Karlsbader Bevölkerung in Bezug auf neue, gemeinschaftliche Wohnformen abgeschlossen werden.

Peter Gaymann, www.demensch.gaymann.de

Bereits in der vertiefenden Ergebnisdarstellung zum Thema „Zu Hause wohnen im Alter“ (Mitteilungsblatt vom 01.10.2020) wurde auf den weit verbreiteten Wunsch der älter werdenden Bürgerschaft in Karlsbad aufmerksam gemacht, sowohl bei leichterem Hilfs- und Unterstützungsbedarf, als auch bei intensivem Pflegebedarf möglichst lange selbstständig zu Hause wohnen bleiben zu können. Die Unterbringung in einem Pflegeheim hingegen stellt für deutlich weniger Menschen in Karlsbad die bevorzugte Wohn- und Versorgungsoption bei Pflegebedürftigkeit dar. Das Ziel der gesetzlichen Pflegeversicherung, Pflegebedürftigen einen möglichst langen Verbleib in der eigenen Häuslichkeit zu ermöglichen, kommt diesem Wunsch entgegen – es gilt: „ambulant vor stationär“. Die Befragungsergebnisse in Karlsbad machen aber auch deutlich, dass dieser Wunsch nicht für alle Menschen gleichermaßen realistisch ist. Etwa 16 % der Bewohnerinnen und Bewohner halten die Versorgung im eigenen Haushalt bei starker Pflegebedürftigkeit für sehr unwahrscheinlich. Besonders alleine lebende Personen ohne Familienangehörige in der näheren Umgebung sind bei Pflegebedarf verstärkt auf spezielle Pflegewohneinrichtungen angewiesen, vor allem wenn die eigene Wohnung zudem Barrieren aufweist. Aufgrund von schwindenden Möglichkeiten familiärerer Unterstützung vor Ort und der steigenden Anzahl von Menschen mit Pflegebedarf im Zuge des demographischen Wandels werden zukünftig auch in Karlsbad immer mehr Personen auf professionelle Wohn- und Versorgungsformen angewiesen sein. Und auch bei ausreichender familiärer oder professioneller Unterstützung durch Pflegedienste ist die Versorgung im Haushallt nicht immer und in jedem Falle die beste Lösung. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach den Erwartungen und Haltungen der Bürgerinnen und Bürger in Karlsbad in Bezug auf den Ausbau von Wohnformen, die eine Alternative zu Heim und privater Häuslichkeit darstellen. Wie kann der Wunsch nach Privatsphäre sowie einem möglichst selbstständigen Wohnen in einem familiären Umfeld mit dem steigenden Unterstützungsbedarf bei schweren körperlichen Beeinträchtigungen oder einer fortgeschrittenen Demenz vereinbart werden?

1. Wohnwünsche im Alter

Für etwas mehr als ein Viertel (26 %) der Befragten in Karlsbad käme für den Fall eigener Pflegebedürftigkeit die Unterbringung in einem gut geführten Pflegeheim in Frage und lediglich 19% lehnen das Pflegeheim kategorisch ab. Die vergleichsweise guten Werte deuten erfahrungsgemäß darauf hin, dass die Pflegeeinrichtungen vor Ort einen guten Ruf in der Bevölkerung haben. Trotzdem ist der mögliche Umzug in eine sogenannte ambulant betreute Wohngemeinschaft insgesamt etwas beliebter als das Pflegeheim und spricht mit etwa 33 % knapp ein Drittel der Befragten an. Das sich immer schneller in Deutschland ausbreitende Konzept der Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz und Pflegebedarf wurde im Fragebogen kurz erläutert und erfuhr in der Befragung sodann eine insgesamt hohe Akzeptanz in der Karlsbader Bevölkerung.

In ambulant betreuten Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz und Pflegebedarf leben in der Regel bis zu 12 hilfs- und pflegedürftige Personen als Mieter in einer gemeinsam genutzten Wohnung oder einem Haus zusammen. Die Wohnung oder das Haus wird häufig durch einen Verein oder eine private Initiative angemietet. Alle Bewohnerinnen und Bewohner haben ein eigenes Zimmer. Eine Rund-um-die-Uhr Betreuung wird durch in der WG beschäftigte Alltagsbegleiter*innen gewährleistet, unterstützt durch Angehörige sowie Ehrenamtliche. Die professionelle Pflege wird durch einen ambulanten Pflegedienst sichergestellt, so dass die Bewohner*innen bis zum Lebensende in der Wohngemeinschaft bleiben können. Dabei ist das Pflegepersonal an jedem Tag nur zeitweise als „Gast“ in der WG, je nach Pflegebedarf der Bewohner*innen. Ambulant betreute Wohngemeinschaften greifen das Bedürfnis vieler Menschen nach einem möglichst selbstbestimmten und eigenständigen Wohnen innerhalb einer familienähnlichen Gemeinschaft auf. Durch die engen sozialen Kontakte bei gleichzeitiger Versorgungssicherheit durch Betreuung und Pflege sind ambulant betreute Wohngemeinschaften eine Wohn- und Versorgungsform, die zwischen dem selbstständigen Wohnen in der eigenen Häuslichkeit auf der einen und dem Pflegeheim auf der anderen Seite angesiedelt ist.

Bei den Präferenzen für die für viele Menschen noch recht unbekannte und neue Wohnform der ambulant betreuten Wohngemeinschaften zeigt sich ein gewisser Generationenunterschied: Die Unterbringung in einer Pflegewohngruppe ist vor allem für die jüngeren Altersgruppen der heute zwischen 40-und 59-Jährigen besonders interessant. Etwa 38 % der Befragten in dieser Altersgruppe wünschen sich im Falle der eigenen Pflegebedürftigkeit die Möglichkeit, in einer familiären ambulant betreuten Wohngemeinschaft leben zu können. Weitaus weniger können sich hingegen den Umzug in ein Pflegeheim vorstellen. Mit zunehmenden Alter jedoch steigt der Anteil der Menschen an der eigenen Altersgruppe, die nicht in einer Wohngemeinschaft leben möchten. Unter den Hochaltrigen ist die Pflegewohngruppe nur noch für 19 % eine Option und etwa 31 % lehnen diese Möglichkeit ab. Auch wenn das Pflegeheim bei der Generation 70+ etwas beliebter ist als die ambulant betreute Wohngemeinschaft, lässt sich die Zukunftsfähigkeit einer Pflegewohngruppe in Karlsbad an der hohen Akzeptanz bei den zukünftig Älteren ablesen.

Die insgesamt größere Aufgeschlossenheit gegenüber gemeinschaftlichen Wohnformen im Vergleich zu den aktuell über 70-Jährigen zeigt sich in den Generationen der „zukünftigen Älteren“ auch beim Interesse für andere gemeinschaftliche Wohnformen, wie das Mehrgenerationenwohnen oder die Alten-WG. Während knapp 60 % der heute 50- bis 59-Jährigen ein hohes Interesse an neuen Möglichkeiten des Mehrgenerationenwohnens in Karlsbad bekunden, sind es bei den über 70-Jährigen nur noch rund 42 %. Alten-WGs als Gemeinschaftswohnform für Ältere ohne Gesundheitseinschränkungen interessieren etwa 54 % der Menschen zwischen 50 und 59 Jahren im Vergleich zu 30 % bei den über-70-Jährigen.

2. Aktueller Bedarf an neuen Wohnformen in Karlsbad

Der konkrete Bedarf an Wohnangeboten für ältere Menschen und speziellen Pflegewohnangeboten ist schwer exakt vorherzusagen, da für eine schlussendliche Wohnentscheidung viele Faktoren eine Rolle spielen. Die vorliegende Befragung kann jedoch erste Hinweise zur Größenordnung des Interesses geben.

In der Befragung in Karlsbad gaben 51 Personen einen persönlichen Bedarf an einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft an. Weitere 84 Personen sehen aktuell Bedarf für einen ihrer Angehörigen. Besonders aussagekräftig sind diese Zahlen allerdings erst, wenn man den Personenkreis auf die Personengruppen eingrenzt, die tatsächlich zur Zielgruppe für diese Wohnangebote gehören. In der abgebildeten Grafik wird daher die Frage nach dem aktuellen Bedarf zusätzlich für Personen ausgewertet, die bereits altersbedingt auf Unterstützung angewiesen sind und für Personen, die angeben, einen oder mehrere Angehörige zu pflegen. Von den 87 Personen, die derzeit bereits Pflege- und Unterstützungsbedarf haben, sehen 8 Personen einen persönlichen Bedarf an einer wohnortnahen ambulant betreuten Wohngemeinschaft.

Von den 326 Personen in Karlsbad, die angaben, einen oder mehrere Angehörige zu pflegen, melden 49 Personen einen aktuellen Bedarf für Angehörige an.

Dabei ist zu beachten, dass diese Antworten nicht einfach addiert werden sollten, um den Bedarf abzuschätzen, da bei dieser Frage auch Dopplungen denkbar sind, z.B. wenn sowohl die pflegebedürftige Person an der Befragung teilgenommen hat, als auch ein Angehöriger; oder wenn sowohl Sohn als auch Tochter ein Elternteil pflegen und beide in der Befragung den Bedarf angegeben haben. Dennoch sind diese Zahlen sehr viel konkreter als üblicherweise in der Planung solcher Angebote möglich: sie stellen im Gegensatz zu einer einfachen statistischen Angabe zur Zahl Pflegebedürftiger auch eine Willensbekundung der betroffenen Person selber oder aber eines Angehörigen dar. Geht man konservativ davon aus, dass alle Fälle doppelt gezählt wurden, ist immer noch von einem konkret benannten Bedarf von rund 40 Personen auszugehen.

Zudem zeigt sich insbesondere ein substanzielles Interesse an gemeinschaftlichen Wohnformen: 72 Personen benennen ein persönliches Interesse an Mehrgenerationenwohnen, 57 Personen zeigen Interesse an einer Wohngemeinschaft für Senioren.

2. Fazit & Empfehlungen

Für alle drei Wohnangebote, die in der Befragung erhoben wurden, wird konkreter Bedarf benannt – jeweils von unterschiedlichen Zielgruppen: Die gemeinschaftlichen Wohnformen (Mehrgenerationenwohnen & Senioren-WG) sind vor allem geeignet für nicht bis wenig eingeschränkte Personen und dienen damit eher den „jüngeren Alten“ in Karlsbad. Ambulant betreute Wohngemeinschaften bieten sich insbesondere für Menschen mit stärkerem Pflegebedarf und Demenz an. Die ambulant betreute Wohngemeinschaft ist zwar etwas beliebter als der Umzug in ein Pflegeheim, allerdings können sich auch etwas mehr als ein Viertel der über 40-Jährigen in Karlsbad für den Fall der eigenen Pflegebedürftigkeit die Unterbringung in einem Pflegeheim vorstellen.

Für einen, an den individuellen Bedürfnissen der Bevölkerung ausgerichteten Ausbau der Wohn- und Pflegeangebote ist die Förderung gemeinschaftlicher Wohnformen und dabei insbesondere der Aufbau einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft in der Gemeinde Karlsbad aufgrund der hohen Akzeptanz und des konkret geäußerten Bedarfs zukunftsfähig. Durch den Aufbau neuer innovativer, barrierarmer Wohnformen mit Betreuungsmöglichkeiten in Karlsbad könnte auch älter werdenden Menschen ohne familiäres Unterstützungsnetzwerk vor Ort ermöglicht werden, ihr Leben möglichst selbstbestimmt und in Gemeinschaft zu leben. Durch die mögliche Kombination von Wohnangeboten mit Begegnungsräumen oder weiteren ausbaufähigen Angeboten (vgl. Mitteilungsblatt vom 22.10.2020) in einem Gebäude könnten die Teilhabemöglichkeiten älterer Menschen und der intergenerationale Austausch in Karlsbad zusätzlich gestärkt werden.

Ausblick Bürgerbeteiligung: „Gutes Älterwerden in Karlsbad“

Die hier und in weiteren Veröffentlichungen des Mitteilungsblattes in den vergangenen Wochen vorgestellten Ergebnisse der Bürgerbefragung bilden nur den Auftakt für einen Prozess, in dem alle Bürgerinnen und Bürger in Karlsbad eingeladen sind, den Auf- und Ausbau von Angeboten sowie die Bedingungen eines guten Älterwerdens in Karlsbad gemeinsam aktiv zu gestalten. Der demografische und soziale Wandel in Karlsbad wird somit nicht allein auf die Frage der pflegerischen oder gesundheitlichen Versorgung einer älter werdenden Bürgerschaft verengt. Vielmehr sollen die Lebensbedingungen vor Ort von und mit den Bürgerinnen und Bürgern gemeinsam gestaltet werden.

Die Bürgerbefragung und die Online-Gespräche bilden nur den Auftakt für die Neuaufstellung des Bürgerprozesses: Alle Akteure hoffen, dass die Bürgerbeteiligung in gewohnter Form von Präsenzveranstaltungen mit persönlicher Begegnung im Frühjahr 2021 starten kann. Die Verantwortlichen sind der Meinung, dass nur auf diese Weise neue Projekte und Initiativen ins Leben gerufen werden können.