Karlsbader Mitteilungsblatt

Rubrikenübersicht > Redaktionelle Berichte > Vor einem halben Jahrhundert wütete ein Tornado über Karlsbad

Redaktionelle Berichte

Vor einem halben Jahrhundert wütete ein Tornado über Karlsbad

03.07.2018

Ittersbacher Wald und Industriegebiet waren besonders betroffen

Die drückende Schwüle, die am 10. Juli 1968 herrschte, entlud sich an jenem Mittwochabend in einem Inferno aus Blitz, Donner, Hagelschlag und Windgeschwindigkeiten  von weit über 300 Stundenkilometern. Von Westen her kommend, hatte der Tornado schon dort für Zerstörungen gesorgt. Über dem Rhein ebbte er ab. Allerdings setzte er dann sein unglaublich zerstörendes Wirken mit noch gewaltigerer Kraft von Ittersbach bis Neubärental fort. 2 Tote forderte diese Unwetterkatastrophe in Ottenhausen; über 400 Personen wurden verletzt, davon 80 schwer. Der Gesamtschaden an Gebäuden und Fahrzeugen betrug insgesamt weit mehr als 50 Millionen Euro. Dieses in Mitteleuropa seltene Ereignis eines Wirbelsturmes wirkte sich in Ittersbach mit gewaltigen Sturmschäden im Wald aus. Der Tornado vernichtete alles, was auf seiner Bahn stand, ohne Rücksicht auf das Alter oder die Baumart. Zum Beispiel wurde an der Waldecke an der Straße nach Weiler eine über ein Meter dicke Eiche, die in Jahrhunderten den Stürmen getrotzt hatte, zu Spreißeln zerrissen. In wenigen Minuten war der Ittersbacher Wald auf 110 Hektar vernichtet, mehr als ein Drittel der gesamten Waldfläche der damals noch selbständigen Gemeinde Ittersbach. Der Holzanfall von knapp 36.000 Festmeter entsprach etwa dem Normaleinschlag von 30 Jahren. Die kurzfristig zu bewältigende Aufarbeitung des Schadholzes konnte nur mit fremden Einschlagsunternehmen bewältigt werden, ebenso die sofort einsetzende Rekultivierung der Flächen. Es war abzusehen, dass nach dieser Katastrophe die Gemeinde vor große finanzielle Probleme gestellt sein würde. Die Möglichkeiten zur Selbstfinanzierung aus dem Wald waren völlig erschöpft und die zu erwartenden künftigen Kosten und die Pflege der riesigen Kulturflächen waren so groß, dass die Überschüsse aus dem Holzerlös und die Hilfen des Landes bei weitem nicht ausreichen würden, um den lange wirkenden Schaden und den Ertragsausfall zu beheben. Deshalb suchte die Gemeinde nach finanziellen Auswegen und der Erschließung neuer Einnahmequellen. Das bis zu diesem Zeitpunkt nur ansatzweise vorhandene Industriegebiet wurde großflächig auf einem Teil der Tornadofläche erweitert. So entwickelte sich als Folge einer Katastrophe das für die Gemeinde Karlsbad wichtige Industriegebiet weiter.

Der Wald aus heutiger Sicht  

Auf den im Gemeindewald verbleibenden Flächen wurden Fichten und Weißtannen angepflanzt, von denen sich auf großer Fläche hauptsächlich die Fichten durchsetzen konnten. Einzelne Weißtannen sind in den Beständen heute noch vorhanden. Streifenweise wurden auch die Linde und etwas Ahorn eingebracht. Fünfzig Jahre später haben die Bäume wieder eine Höhe erreicht, die auf den vorhandenen, zur Vernässung neigenden Böden erneut zu einer starken Windwurfgefährdung führt. Als Folge der Winterstürme 2017/18 „Burglind“ und „Friederike“ mit einem Sturmholzaufkommen von 500 Festmetern Holz, zeigt sich der Tornadowald derzeit teilweise sehr „zerzaust“. Borkenkäferbefall in den vergangenen Jahren hatte bereits vorher zu Löchern  geführt. Insgesamt ist aufgrund dieser Labilisierung in den nächsten Jahren mit einer weiteren Auflösung der Bestände durch Sturm und Borkenkäfer zu rechnen. Zusammenfassend kann man sagen: Im Karlsbader Wald spielen Stürme immer wieder eine große Rolle, auch wenn es sich nicht um Tornados handelt. Dies haben auch die großen Sturmereignisse „Wiebke“ im Jahr 1990 und „Lothar“ 1999 gezeigt.

Der Tornadogedenkstein im Ittersbacher Wald mit einer Inschrift die an die Katastrophe erinnert. Fotos: Gemeinde Karlsbad

Blick auf die zerstörten Flächen im Industriegebiet

Fotos: Archiv

Der Wald heute

Foto: Gemeinde Karlsbad

Teil des Industriegebiets heute

Foto: Pintilie

 

Rubrik-Archiv anzeigen

Alle Artikel der Rubrik