Karlsbader Mitteilungsblatt

Moment mal

Trotzdem

07.11.2019

Liebe Leserinnen und Leser,

Manchmal wünschte man sich, das Leben wäre ein Stummfilm.

Da ist ein Papa mit seinem zweijährigen Sohn am Samstag zum Einkaufen unterwegs.

Der Sohnemann sitzt auf dem Boden des Supermarktes, strategisch ungünstig, sprich: viel zu nah an den Auslagen mit den Süßigkeiten, und schreit den gesamten Laden zusammen. Das ist so eine Szene à la „taub oder Staub“, also: Stell dich taub oder mach dich aus dem Staub.

Als pädagogisch gebildeter Vater weiß dieser arme Mann natürlich um die berühmt-berüchtigte Trotzphase von Kindern in diesem Alter. Aber das reale Erleben lässt alle Theorie verblassen.

Jemand sagt einmal, der Mensch lebe Gott gegenüber in einer solchen Trotzphase.

Eine tief verankerte Auflehnung gegenüber Gott; ein Trotz, der Grenzen beliebig erweitern will. Ich kann nur ahnen, was dieser „Papa im Himmel“ mit seinen Kindern so alles durchmachen muss und denke an eigene trotzige Wege zurück. Doch trotzdem liebt Gott seine Menschen!

Manchmal von Zweifeln gegen sich und gegen Gott zermürbt, manchmal am Ende der eigenen Glaubens- und Lebenskraft, manchmal in größter Trauer beim Verlust geliebter Menschen. Trotzdem. Trotz aller Schwachheit, trotz aller Zweifel, trotz aller Abwege und Schuld – trotz allem gilt: Christus ist für mich! Er ist für mich gestorben und auferstanden. Er öffnet mir einen neuen Horizont und fängt neu mit mir an! Trotzdem.

Trotz aller Durststrecken, in denen ich Gott nicht spürte, halte ich mich zu Gott, denn ich habe ihn erfahren und werde ihn wieder erfahren, wenn sich der Nebel des Zweifels verzogen hat.

Trotzig zu glauben, zu lieben, zu hoffen – das täte uns Christenmenschen sicherlich gut!

Herzliche Grüße

Holger Jeske-Heß, Pfarrer der Evang. Kirchengemeinde Spielberg

 

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