Karlsbader Mitteilungsblatt

Moment mal

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18.07.2020

Endlich Ferien …..      
Gestern haben sie wohl ganz tief durchgeatmet, die Schüler (und sicher auch die Lehrer): Endlich der letzte Schultag! Jetzt erst mal sechs lange Wochen keine Schule mehr, kein grausamer Wecker, dafür Ausschlafen bis weit in den Tag, Schwimmbadbesuche, Faulenzen, eine schöne Reise vielleicht …..
Gut, in den letzten Monaten war das ein bisschen anders. Da hatte man sich manchmal nach der Schule direkt gesehnt (wenigstens heimlich). Alle haben ja aufgeatmet, als nach dem wochenlangen Lockdown die Schule endlich wieder los ging, als man die anderen wieder sehen durfte und die Tage wieder ihren gewohnten Rhythmus hatten. Auch die stressigsten Lehrer waren doch gar nicht so schlimm! Und sogar auf die Tests, die Hausaufgaben und das Benotet-Werden konnte man sich beinahe wieder freuen. Aber Ferien sind eben doch etwas ganz, ganz anderes. Ferien sind ein Stück vom Himmel!
Manchmal beneide ich unsere jungen Leute um diese Ferienstimmung, die sie vielleicht auch heute so ähnlich erleben wie ich damals vor vielen Jahren. Diese Vorfreude schon Wochen vorher, dieses Gefühl einer ungebändigten Freiheit dann, dieses Leben einfach so in den Tag hinein. Nicht mal im Ruhestand scheint es das zu geben. Ferien – ein Traum vom Paradies nur für die Schüler?
Im Alten Testament lese ich eine Verheißung, die mich an dieses „Feriengefühl“ erinnert: Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken. Der Prophet Micha (4, 4) hat dieses Idyll für die „letzten Tage“ erwartet, für eine Zeit also, in der Gott alles gut werden lässt. Und noch mehr: Da werden die Leute sogar ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und das Kriegführen verlernen. Micha hat fest daran geglaubt, dass diese Zeit kommt. Und die Hoffnung auf diese Zeit hat ihm die Kraft gegeben, auch ganz andere, ganz schlimme Zeiten zu bestehen. Paradiesische Zeiten – für Micha nicht nur ein leerer Traum!
Ich möchte mich in den kommenden Wochen von Michas Hoffnung anstecken und inspirieren lassen. In den Sommerferien werde ich zwar nicht einfach unter einem Baum sitzen oder faul in der Sonne braten. Meine Frau und ich gehen lieber in die Berge. Aber man kann ja überall diesem verheißenen Frieden nachspüren und wird kleine Ansätze von diesem ganz anderen Leben bestimmt an vielen Orten finden. Und dann kann man sich ja auch schon mal fragen, ob wir das alles wirklich erst am Ende aller Zeiten erwarten sollen oder ob wir nicht schon hier und jetzt in diesem Frieden leben können.
Eine gesegnete Ferienzeit und anregende Träume und Gedanken – ob hoch in der Bergen, irgendwo an südlichen Stränden oder auch zu Hause unter dem eigenen „Weinstock und Feigenbaum“ – wünscht Ihnen
Christian Sauermann, Pfarrer i. R.

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