Karlsbader Mitteilungsblatt

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Redaktionelle Berichte

Bürgerbefragung 40+ in der Gemeinde Karlsbad

03.11.2020

3. Vertiefung: „Mobilität“ – Videoimpulsvortrag am Dienstag, 10. November von 18.00 Uhr bis 20.00 Uhr

Zum Jahreswechsel 2019/2020 wurden insgesamt 1.882 Karlsbader Bürgerinnen und Bürger im Alter von 40 Jahren und älter zum Thema „Gutes Älterwerden in Karlsbad“ befragt. Über einige Ergebnisse der Bürgerbefragung zum Thema “Mobilität“ wurde bereits im Mitteilungsblatt vom 17. September im Rahmen einer Überblicksdarstellung der Ergebnisse berichtet. Alle bislang veröffentlichen Berichte lassen sich auch online auf der Homepage der Gemeinde Karlsbad unter der Rubrik „Gutes Älterwerden / Neuaufstellung Bürgerbeteiligung“ des Karlsbader Mitteilungsblattes nachlesen (https://www.karlsbad.de/website/de/leben_freizeit/gutes_aelterwerden). Zentrale Ergebnisse zum Thema „Mobilität“ sollen im Folgenden noch einmal vertiefend dargestellt werden.

Peter Gaymann, www.demensch.gaymann.de

Mobilität ist mehr als die Fortbewegung im Raum von A nach B. Mobil und für andere erreichbar zu sein, gerade im Alter und bei gesundheitlichen Einschränkungen, sind Grundvoraussetzungen für soziale Teilhabe und ein selbstbestimmtes Leben. Mobilität trägt daher wesentlich zur Lebenszufriedenheit und zum Wohlbefinden bei. Die Möglichkeit zur Aufnahme und Aufrechterhaltung sozialer Beziehungen ist hierbei in doppelter Hinsicht mit Bewegungsfreiheit verknüpft: Nicht nur haben Menschen, die weniger mobil und weniger gut erreichbar sind, auch weniger Gelegenheiten zum sozialen Austausch. Auch umgekehrt bieten Verabredungen, Einkaufsmöglichkeiten vor Ort und gemeinsame Aktivitäten wiederum Anlässe, das eigene Haus zu verlassen. Fehlende Gelegenheiten und Anlässe hingegen wirken negativ auf Mobilität und soziale Teilhabe. Auf die Bedeutung von sozialen Treffpunkten und wohnortnahen Einkaufsmöglichkeiten für die Karlsbaderinnen und Karlsbader haben wir bereits in der letzten Ausgabe des Mitteilungsblattes aufmerksam gemacht.

Neben dem sozialen Umfeld bestimmen aber nicht nur individuelle Fähigkeiten oder körperliche und gesundheitliche Einschränkungen über das Maß an persönlicher Bewegungsfreiheit. Auch räumliche Umweltfaktoren, wie bedarfsgerechtere Mobilitätsangebote und eine barrierearme Wohnumgebung können individuelle Mobilitätseinschränkungen kompensieren und auf diese Weise zum Erhalt von Mobilität auch bei körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen beitragen. Das Fehlen solcher Hilfen und Mobilitätsangebote oder das Bestehen von anderen Hindernissen im öffentlichen sowie im eigenen Wohnraum (siehe Mitteilungsblatt vom 01. Oktober 2020) dagegen begrenzt die Möglichkeiten, sich unabhängig und selbstbestimmt bewegen zu können noch weiter.

1. Persönliche Mobilität hängt von der eigenen Gesundheit und den nutzbaren Verkehrsmitteln ab

In der Befragung gaben insgesamt 9 % aller Bürgerinnen und Bürger im Alter 40+ in Karlsbad an, dass sie in ihren persönlichen Bewegungsmöglichkeiten bei Alltagswegen leicht eingeschränkt sind, weitere 3 % sind laut eigener Aussage stark eingeschränkt. Hochgerechnet auf die Gesamtbevölkerung 40+ in Karlsbad entspricht das in etwa 850 Personen. In der Altersgruppe 80+ waren dies zusammengefasst (leichte und schwere Einschränkung) etwa 37 % der Befragten. Bei Befragungsergebnissen in vergleichbaren Gemeinden lag der Anteil in dieser Altersgruppe mit bis zu 50 % der Befragten deutlich höher.


Dennoch zeigt sich die eingeschränkte Mobilität einiger hochaltriger Menschen in Karlsbad sehr deutlich im Rückgang der Autonutzung in den Altersgruppen ab 70 Jahren: Über 20 % der Hochaltrigen nutzen im Alltag kein Auto.

Das ist vor allem deshalb von hoher Bedeutung, da das Auto immer noch das meistgenutzte Verkehrsmittel für die Bürgerinnen und Bürger in Karlsbad ist. Rund 92 % aller Befragten nutzen im Alltag ein Auto. Zwar wird der ÖPNV (Verbindungen Richtung Pforzheim und Karlsruhe) auch von 80 % der Befragten genutzt, allerdings nur von einer Minderheit regelmäßig (rund 25 %). Es zeigt sich zudem, dass auch die Nutzung des öffentlichen Verkehrs im hohen Alter tendenziell rückläufig ist. Während die Altersgruppe der 60- bis 79-Jährigen überdurchschnittlich häufig die Verbindungen des öffentlichen Verkehrs Richtung Pforzheim und Karlsruhe nutzt (etwa 28 %), sind es in der Altersgruppe 80+ nur noch 24 %.

Einer häufigeren Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs steht primär eine als unzureichend empfundene Taktung der Bus- und Bahnverbindungen (49 %) entgegen – insbesondere am Wochenende. Zusätzlich als hinderlich benannt werden darüber hinaus vor allem die als zu hoch empfundenen Fahrpreise. Der hohe Preis wurde unter Sonstiges von 267 Befragten (rund 28 %) in das entsprechende Textfeld eingetragen.

Dabei zeigen die Befragungsergebnisse, dass die Bereitschaft zur Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs mit zunehmendem Alter immer weniger davon abhängt, wie gut die Rahmenbedingungen sind. Von einer besseren Taktung, niedrigeren Fahrpreisen oder der Einführung neuer Verbindungen würden daher vor allem die jüngeren Altersgruppen profitieren. Nur 38 % der Hochaltrigen könnten durch solche Maßnahmen zu einer häufigeren Nutzung von Bus und Bahn bewegt werden. Zum Vergleich: Unter den 40- bis 49-Jährigen sind es 68 %. Es ist also nicht davon auszugehen, dass eine große Anzahl der Bürgerinnen und Bürger in Karlsbad bei auftretenden körperlichen Einschränkungen im Alter vom Auto auf die Nutzung von Bus oder Bahn umsteigt.

 

Fazit & Empfehlung zur persönlichen Mobilität und öffentlichen Verkehrsmitteln

Um Teilhabe für alle Bevölkerungsgruppen zu unterstützen, lohnt es sich daher, neben verbesserten Rahmenbedingungen im ÖPNV zukünftig auch verstärkt über flexible und kostengünstige Mobilitätsangebote nachzudenken, wie den Ausbau von Fahrdiensten, Mitfahrgelegenheiten oder Bürgerbussen. Wie schon bei den Ergebnissen zur Nahversorgung berichtet wurde (Mitteilungsblatt vom 22. Oktober 2020), ist es für ältere und mobilitätseingeschränkte Menschen aus Karlsbad häufig schwer, beispielsweise noch eigenständig einkaufen zu gehen und damit am Leben vor Ort teilzuhaben. Es gibt bereits vielerorts erprobte Modelle für die Umsetzung alternativer Beförderungsangebote, die über die Angebote des öffentlichen Verkehrs hinausgehen. Die Erfahrung aus anderen Kommunen zeigt, dass die Akzeptanz der älteren Bevölkerung vor Ort ein wesentlicher Faktor für den Erfolg ist: Damit flexible Mobilitätsangebote für gesundheitlich eingeschränkte Menschen ohne die Verfügbarkeit von Pkw oder Nahverkehrsanbindung in der Praxis tatsächlich genutzt werden, müssen sie sich am konkreten Bedarf der Menschen orientieren und ausreichend bekannt gemacht werden.

Die generelle Bereitschaft zur Nutzung solcher Angebote scheint vorhanden zu sein: 265 Befragte ab 70 Jahren können sich vorstellen, zumindest gelegentlich eine flexible Beförderungsmöglichkeit wie beispielsweise einen Bürgerbus oder ein Bürger-Rufauto zu nutzen. Das entspricht mehr als 62 % dieser Altersgruppe. Bei Personen mit leichten körperlichen Mobilitätseinschränkungen sind es sogar 75 % (112 Personen). Diese Befragungsergebnisse deuten auf eine insgesamt hohe Akzeptanz bei der eigentlichen Zielgruppe solcher Angebote hin.

Dabei gilt es aber auch nicht aus dem Blick zu verlieren, dass vor allem die ‚jüngeren Älteren‘ zwischen 60 und 79 Jahren überdurchschnittlich häufig die bestehenden Verbindungen des öffentlichen Verkehrs nutzen und dass vor allem Personen zwischen 40 und 59 Jahren angeben, dass sie Bus und Bahn unter günstigeren Voraussetzungen häufiger nutzen würden. Damit mehr mobilitätseingeschränkte ältere Menschen den öffentlichen Verkehr als echte Alternative zum Autofahren sehen können, müsste über eine seniorengerechtere Gestaltung nachgedacht werden. Häufige Stressfaktoren für ältere Menschen sind lange Fußwege bis zu den Haltestellen, eine schlechte Zugänglichkeit der Haltestellen, lange Wartezeiten auf Bus oder Bahn, hohe Ein- und Ausstiege, geringe Informationen über das ÖPNV-Angebot vor Ort und Unsicherheiten etwa bei der Bedienung von Fahrkartenautomaten. Neben einer besseren Taktung, attraktiven Fahrpreisen und einer höheren Dichte an Haltestellen wäre daher zu erwägen, inwiefern beispielsweise beim Einsatz von absenkbaren Bussen und kurzen Wegen sowie von stufenlosen Zugängen, Sitzmöglichkeiten und Überdachungen an den Haltestellen weitere Verbesserungen möglich sind.

2. Auch Hindernisse im öffentlichen Raum wirken auf Mobilität

„Die Füße stellen das bevorzugte ‘Fortbewegungsmittel‘ älterer Menschen dar.“ So lautet eine Aussage aus dem Siebten Altenbericht der Bundesregierung. Diese Aussage trifft auch auf viele ältere Bürgerinnen und Bürger in Karlsbad zu. Während die Nutzung von Auto, Fahrrad und Motorrad als alltägliches Verkehrsmittel ab einem Alter von 70 Jahren immer weiter abnimmt, gibt es unter den 80-Jährigen und älter anteilig mehr Menschen, die zu Fuß unterwegs sind (71 %) als unter den 70- bis 79-Jährigen (66 %). Etwa 37 % der über 80-Jährigen in Karlsbad sind außerdem aus gesundheitlichen Gründen in ihrer Mobilität eingeschränkt. Für ältere Menschen ist es deshalb entscheidend, dass der öffentliche Raum möglichst wenige Barrieren aufweist.

In Karlsbad existieren jedoch verschiedene Hindernisse, die den Zugang zum öffentlichen Raum und damit den Zugang zu gesellschaftlicher Teilhabe erschweren. Die Ergebnisse der Befragung zeigen, dass insbesondere fehlende öffentliche Toiletten für viele Befragte in Karlsbad ein großes Hindernis darstellen (259 Nennungen in den Freitextfeldern zu Hindernissen). Besonders häufig in diesem Zusammenhang wurde mit dem Einkaufszentrum in Langensteinbach der zentrale Einkaufsort in Karlsbad genannt. Da auch eine leichte Blasenschwäche häufig mit Scham besetzt ist, kann dies die Teilhabe in Umgebungen ohne öffentliche Toiletten nachhaltig einschränken. Aber auch die Bedingungen für Fußgängerinnen und Fußgänger werden von zahlreichen Befragten als nicht ideal beschrieben: Hier stellen vor allem ungeeignete Gehwege (zu schmal, uneben, schlecht beleuchtet etc.) für viele Befragte ein Hindernis dar (83 Nennungen in den Freitextfeldern). Die Situation für Fußgängerinnen und Fußgänger wird aus Sicht vieler Befragter zusätzlich durch zugeparkte Gehwege erschwert (61 Nennungen). Auch hohe Bordsteine bzw. fehlende Absenkungen (60 Nennungen) sowie fehlende Überquerungsmöglichkeiten stellen für viele Befragte ein Hindernis dar (40 Nennungen). Fehlende Querungen werden von den Befragten vor allem in der Ortsmitte von Langensteinbach bzw. entlang der Pforzheimer Straße identifiziert. Zudem werden z. T. auch öffentliche, nicht barrierefreie Gebäude benannt: Darunter z. B. ein nicht barrierefreier Zugang zum Rathaus in Mutschelbach.

Fazit & Empfehlung zur Hindernissen im öffentlichen Raum

Eine wohnortnahe Versorgung (siehe Mitteilungsblatt vom 22. Oktober 2020) und fußgängerfreundliche Gestaltung des Wohnumfeldes sind Grundvoraussetzungen für eine gelingende Alltagsbewältigung und Freizeitgestaltung im Alter. Aus Sicht der Bürgerschaft in Karlsbad sind entsprechende bauliche Maßnahmen vor allem in Bezug auf die Bereitstellung öffentlicher Toiletten im KSC, an Bahnhöfen, an Friedhöfen und weiteren zentralen Orten sowie den Ausbau von Gehwegen und Bordsteinabsenkungen zu prüfen. Die Schaffung zusätzlicher Parkmöglichkeiten bzw. eine verstärkte Kontrolle und Sanktionierung von Falschparkern könnte außerdem zu einer fußgänger- und seniorenfreundlicheren Umgebung beitragen.

Im Zuge des geplanten Bürgerbeteiligungsprozesses im kommenden Jahr wäre im Hinblick auf eine barrierefreie Gestaltung des öffentlichen Raumes zu prüfen, wie die Bedürfnisse von beeinträchtigten Personen zukünftig bei Neu- und Umplanungen des Verkehrs- und öffentlichen Raumes konsequent berücksichtigt und in Planungs- und Entscheidungsprozesse eingebunden werden können.

Hintergrundinfos

Die hier und in weiteren Veröffentlichungen des Mitteilungsblattes in den vergangenen Wochen vorgestellten Ergebnisse der Bürgerbefragung bilden den Startpunkt für einen Prozess, in dem alle Bürgerinnen und Bürger in Karlsbad eingeladen sind, den Auf- und Ausbau von Angeboten sowie die Bedingungen eines guten Älterwerdens in Karlsbad gemeinsam aktiv zu gestalten. Der demografische und soziale Wandel in Karlsbad wird somit nicht allein auf die Frage der pflegerischen oder gesundheitlichen Versorgung einer älter werdenden Bürgerschaft verengt. Vielmehr sollen die Lebensbedingungen vor Ort von und mit den Bürgerinnen und Bürgern gemeinsam gestaltet werden.

Weitere Termine

Bereits im Mitteilungsblatt vom 30. Juli informierte die Gemeinde über den geänderten Ablauf des geplanten Bürgerbeteiligungsprozesses aufgrund der Corona-Pandemie. Parallel zu weiteren Veröffentlichungen der Befragungsergebnisse im Mitteilungsblatt von Oktober und November gibt es jeweils Videoimpulsvorträge, an denen die Bürgerinnen und Bürger teilnehmen können. Die Videoimpulsvorträge finden immer in der Woche nach der jeweiligen Themenveröffentlichung im Mitteilungsblatt statt. Dabei soll es möglich sein, ausgewählte Ideen für die Praxis kennenzulernen und mit Praxisexperten ins Gespräch zu kommen. Auf der Webseite der Gemeinde gibt es einen „Sammellink” unter der Überschrift „Gutes Älterwerden/Neuaufstellung Bürgerbeteiligung”. Auf diesem werden die Unterlagen elektronisch zur Verfügung stehen.

 

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