Landkreisinformationen | 09.06.2026
Gesundheitsamt und Jugendhilfe warnen vor gesundheitlichen Risiken von zu hohem Medienkonsum
Der Jugendhilfe- und Sozialausschuss des Landkreises Karlsruhe hat sich mit den Ergebnissen der Einschulungsuntersuchung 2025 sowie den Auswirkungen von Bewegungsmangel im Vorschulalter beschäftigt. Darüber hinaus wurden Erkenntnisse geteilt zur Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen und deren psychischen Folgen. Die Sachberichte wurden in der Sitzung am Montag, 8. Juni, in der Sporthalle im Schloss Stutensee vorgestellt und vom Gremium zur Kenntnis genommen.
Im Mittelpunkt der Einschulungsuntersuchung (ESU) standen erneut Sprache, Verhalten, Motorik und gesundheitliche Entwicklung von Kindern vor dem Schuleintritt. Die ESU ist ein landesweit standardisiertes Pflichtverfahren und wird im Landkreis Karlsruhe jährlich bei rund 7.000 Kindern durch das Gesundheitsamt im Landratsamt durchgeführt. Für die aktuelle Auswertung wurden 4.329 Kinder berücksichtigt. Im Bereich Sprache zeigten 62,5 Prozent der Kinder eine altersentsprechende Sprachentwicklung. Gleichzeitig wurden deutliche regionale Unterschiede festgestellt. Besonders hoch ist der Sprachförderbedarf bei Kindern aus Familien, in denen nicht ausschließlich Deutsch gesprochen wird. Das vom Land Baden-Württemberg entwickelte SprachFit-Konzept soll hier künftig unterstützen.
Zudem zeigten 36,9 Prozent der Kinder ein auffälliges Verhalten. Bei Jungen traten besonders häufig Konzentrationsstörungen auf, bei Mädchen geringes Selbstvertrauen. Im Bereich Grobmotorik erreichten 61,3 Prozent der Kinder altersentsprechende Ergebnisse. Bei 36 Prozent wurden Maßnahmen zur motorischen Förderung empfohlen, beispielsweise Kinderturnen. Dabei zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen Verhaltensauffälligkeiten und motorischen Auffälligkeiten. Der Bericht unterstreicht damit die zentrale Bedeutung von Bewegung für die gesunde Entwicklung von Kindern. Denn Bewegung fördert nicht nur die körperliche Gesundheit, sondern auch Konzentrationsfähigkeit, Selbstregulation, soziale Kompetenzen und Bildungschancen. Gleichzeitig zeigen Studien, dass bereits im Vorschulalter erhebliche Bewegungsdefizite bestehen. Besonders betroffen sind Kinder aus sozial benachteiligten Familien.
Als Ursachen werden unter anderem eingeschränkte Bewegungsräume, fehlende Grün- und Spielflächen, Zeitmangel in Familien sowie steigender Medienkonsum genannt. Um dem entgegenzuwirken, setzt der Landkreis auf wohnortnahe Bewegungsangebote, bewegungsfördernde Kindertageseinrichtungen sowie die Zusammenarbeit mit Sport- und Turnvereinen. Ein Schwerpunkt ist dabei das geplante Projekt „Rezept für Bewegung“, das der Kinder- und Jugendgesundheitsdienst gemeinsam mit Sportvereinen, dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT), der Kinderturnstiftung und weiteren Partnern vorbereitet. Ziel ist es, Kindern im Rahmen der Einschulungsuntersuchung gezielt solche Bewegungsangebote zu vermitteln. Ein Projektstart in Bruchsal ist für September 2026 vorgesehen.
Passend hierzu wurde in der Sitzung auch über die Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen sowie deren Auswirkungen auf die psychische und soziale Entwicklung berichtet. Studien zeigen, dass die tägliche Mediennutzung insbesondere seit der Corona-Pandemie massiv zugenommen hat. Jugendliche zwischen zwölf und 19 Jahren verbringen laut JIM-Studie 2025 durchschnittlich knapp vier Stunden täglich am Smartphone. Viele berichten über Schlafmangel, Erschöpfung und Schwierigkeiten, die eigene Mediennutzung zu regulieren. Aus Sicht der Kinder- und Jugendhilfe wird insbesondere auf die Auswirkungen exzessiven Medienkonsums hingewiesen. Dazu zählen emotionale Belastungen, Konzentrationsprobleme, sozialer Rückzug, geringeres Selbstwertgefühl sowie negative Folgen für die Eltern-Kind-Interaktion. Die sogenannte „Technoferenz“ – also die Verdrängung zwischenmenschlicher Kommunikation durch digitale Geräte – spiele dabei eine zunehmend wichtige Rolle.
Auch die Zahl diagnostizierter Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) ist gestiegen. Autismus ist eine angeborene neurobiologische Entwicklungsstörung, es besteht kein ursächlicher Zusammenhang zur Mediennutzung. Gleichzeitig könne intensive und unbegleitete Bildschirmnutzung bei Kleinkindern autismusähnliche Symptome verstärken. Im Landkreis Karlsruhe steigt der Unterstützungsbedarf kontinuierlich an. Während 2022 noch 292 ambulante Hilfen mit der Hauptdiagnose ASS beziehungsweise tiefgreifende Entwicklungsstörung liefen, waren es 2025 bereits 377 Hilfen. 199 Kinder und Jugendliche mit ASS wurden 2025 aktiv durch die Jugendhilfe im Schulalltag unterstützt. Der Landkreis reagiert mit zahlreichen Präventions- und Beratungsangeboten auf diese Entwicklungen. Dazu zählen digitale Elternabende, Präventionstage, das Mediennetzwerk des Landkreises, Angebote der Frühen Hilfen sowie das Präventionsprogramm „STARKwerden“. In Kindertageseinrichtungen unterstützt das Programm „ECHT DABEI“ Eltern, Fachkräfte und Kinder beim gesunden und altersgerechten Umgang mit digitalen Medien.