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Moment mal | 05.10.2026

Schubladenmenschen

Ich lese gerade ein Buch über Narzissten – also Menschen, die sich für absolut unwiderstehlich halten und ihre Mitmenschen darum für ihre Zwecke manipulieren. Es ist ein fundiertes Fachbuch mit vielen Beispielgeschichten. Und was soll ich sagen: Seit ich das Buch lese, sehe ich überall Narzissten. Das Etikett passt gefühlt auf jeden zweiten meiner Mitmenschen. – Ich begegne auch überall rücksichtslosen SUV-Fahrern, die meisten auf Parkplätzen gleich zwei Stellplätze in Anspruch nehmen, weshalb ich selbst keinen freien Parkplatz finde. – Oder da sind die Fahrradfahrer, die ohne auf Verkehrsregeln zu achten und ohne sich umzuschauen auf den Straßen unterwegs sind. Wissen Sie, was Narzissten, SUV-Fahrer und Fahrradfahrer gemeinsam haben? Ich habe Vorurteile und stecke sie in Schubladen. Natürlich sind die meisten Menschen keine Narzissten, die meisten SUV-Fahrer ausgesprochen höflich und die meisten Fahrradfahrer rücksichtsvoll. Aber ich habe Vorurteile und darum schaue ich die Menschen mit der Brille meiner vorgefertigten Urteile an. Dabei sind sie alle im Grunde vor allem eins: Ebenbilder Gottes. Von ihm gemacht, begabt, geliebt. Also rufe ich mich selbst zur Ordnung: Menschen sind keine Narzissten, SUV-Fahrer oder Fahrradfahrer. Das verkürzt Menschen auf eine einzige Eigenschaft und steckt sie in Schubladen. Ich will sie aus meinen Schubladen wieder herausholen und sie ansehen als geliebte Geschöpfe Gottes.

Axel Ebert, Kirchenrat