Moment mal | 28.10.2026
Sind wir nicht alle ein bisschen heilig? Die Frage überrascht. Und wahrscheinlich auch die Antwort: In gewisser Weise – ja.
Zumindest die eine oder den anderen regt das auf: Ich sicher nicht! Heilige, das sind andere. Vollkommene Menschen mit makellosen Lebensläufen, fromm, ein wenig weltfremd – und unbeweglich wie die Steinfiguren auf den Altären.
Doch was heißt „heilig“ überhaupt? Zunächst erstaunlich wenig. Heilig ist im Kern einer: Gott. Alles andere ist nur heilig, sofern es mit ihm verbunden ist. Die Frauen und Männer im Kalender gehören dazu – aber es gibt einen viel breiteren, alten Gebrauch: Paulus schreibt an die „Heiligen in Korinth“ und meint eine ziemlich schwierige Truppe. Heilig ist dort kein Preis für ein tadelfreies Leben, sondern eine Zusage: Ihr seid mit Gott verbunden. Angenommen, gewollt – egal, was ihr von euch haltet.
Heiligkeit ist also Verbindung: Himmel und Erde, nicht durch fromme Anstrengung zusammengebogen, sondern durch Gott selbst, der in Jesus Mensch geworden ist. Deshalb ist sie zuerst Geschenk und erst dann Aufgabe.
Und deshalb kann sie nicht weltfremd sein. Die meisten großen Heiligen haben sich auf die Welt eingelassen, bis unter die Haut: Franziskus küsste den Aussätzigen, Elisabeth von Thüringen trug heimlich Brot zu den Hungrigen. Nicht Distanz macht heilig, sondern Verbundenheit.
Davon handelt Allerheiligen: von der großen, bunten Schar, bei denen die Verbindung sichtbar geworden ist – auch von den unzähligen ungenannten, von denen niemand je ein Lebensbild schreiben wird. Manche Heilige kommen mir wunderbar vor, andere ganz wunderlich. Genau das ist die Botschaft: Es gibt nicht den einen heiligen Lebensstil. Es gibt den eigenen Weg, authentisch gegangen. Und einer davon ist Ihrer.
Dr. Tobias Speck, ltd. Referent St. Martin Ettlingen